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Alternative Krebstherapien: Vorsicht

Aus Verzweiflung sind viele Tumorpatienten bereit, alles zu versuchen, was Heilung verspricht. Unseriöse Anbieter nutzen das aus – darunter auch Ärzte
von Sonja Gibis, 19.10.2017

Manche alternativen Krebstherapien klingen seriös, ihr Nutzen ist aber fraglich

W&B/Nina Schneider

Heilung bei Krebs. Ohne Nebenwirkungen. Auch bei fortgeschrittener Erkrankung. Die ­Diagnose eines bösartigen Tumors stürzt viele Betroffene in ein emotionales Chaos aus Hoffnung und Verzweiflung. Sie wünschen sich nichts sehn­licher, als dass so ein Versprechen wahr wird. Und mit diesem Wunsch lassen sich Geschäfte machen.

Gerade in der Krebsmedizin gibt es nicht wenige Anbieter alternativer Therapien, die die Lage der Patienten ausnutzen. "Leider sind darunter auch Vertreter unseres Fachs", sagt Professor Wolfgang Hiddemann, Krebsexperte am Klinikum der Universität München. Wer sich einem Heiler anvertraut, der Tumore per Handauflegen kurieren will, weiß, dass er damit den Weg der etablierten Medizin verlässt. Anders ist das, wenn Heilsversprechen von jemandem kommen, der nicht nur einen weißen Kittel trägt, sondern auch einen Doktor- oder gar Professorentitel.

Viele Internetseiten der Anbieter wirken seriös

Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums, wird regelmäßig mit solchen Fällen konfrontiert. Die Anbieter von den in der Regel privaten Kliniken, Zentren und Praxen treten dabei oft hochprofessionell auf. Ihre Internetseiten wirken seriös, zitiert werden berühmte Forscher und wissen­schaftliche Studien.

"Das klingt zunächst gar nicht esoterisch, sondern so, als ob man Zugang zu ganz neuen Methoden bekommt, die möglicherweise wirksamer sind", schildert Weg-Remers. Am Ende stehen oft enttäuschte Hoffnung und ein erheblicher finanzieller Verlust. Nicht selten belaufen sich die Kosten auf mehrere Zehntausend Euro.

Naturheilkunde kann nur die Krebstherapie unterstützen

Die Strategien der Anbieter sind sehr unterschiedlich. Manche werben mit natürlichen Therapien, die schonend den Krebs stoppen, wenn nicht gar ­­heilen können – selbst wenn die Schul­medizin dem Patienten den Stempel "austherapiert" aufgedrückt hat. "Wer so etwas verspricht, ist immer unseriös",  betont Professorin Jutta Hübner, Vor­sitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft. Die ­Naturheilkunde könne Patienten zwar während der Behandlung unterstützen, starke Mittel habe sie jedoch nicht zur Verfügung.

Die Palette solcher Angebote reicht vom klassischen Aderlass über die Fiebertherapie bis hin zu neu entdeckten Naturstoffen. Der Körper wird erwärmt, von Strom durchflossen, mit Vitaminen vollgepumpt. "Da gibt es die abenteuerlichsten Dinge", bestätigt Hiddemann.  

Spezialmethoden sind oft für wenige geeignet

Beworben werden aber auch Thera­pien, die durchaus Erfolg versprechen – allerdings nur in Einzelfällen. Dennoch setzen unseriöse Anbieter die Behandlung breit ein. Ein Beispiel ist die lokale Chemotherapie: Das Medikament wird direkt in die Tumorregion geleitet. "In einigen wenigen Fällen, etwa bei einer isolierten Lebermetastase, ist die Methode sinnvoll", sagt Expertin Weg-Remers. In anderen erweist sie sich bestenfalls als wirkungslos.

Professor Christian Stief, Leiter der Urologischen Klinik des Klinikums der Uni München, erinnert sich an einen jungen Patienten, der eine lokale Chemotherapie gegen einen Blasentumor erhielt. "Nur eine Chemotherapie zu verabreichen ist hier generell der völlig falsche Weg." Der Tumor wuchs weiter und hatte Zeit zu metastasieren. Stief: "Was da passiert, ist echt gruselig."

Noch nicht erforschte Verfahren werden angeboten

Eine weitere Variante besteht in dem Versprechen, neueste Spitzenforschung zu bieten. Obwohl die Wirksamkeit einer neuen Methode noch völlig unklar ist, wird diese angepriesen und breit angewandt.

Zum Beispiel die irreversible Elektroporation bei Prostatakrebs. Tatsächlich wird an Unikliniken getestet, ob dies eine gute Methode darstellt, um einzelne Krebsherde minimal-invasiv zu behandeln. "Ob sie wirklich Heilung verspricht und in welchen Fällen, ist aber noch unsicher", sagt Urologe Stief. Wer Interesse an neuen Verfahren hat, sollte sich erkundigen, ob diese im Rahmen klinischer Studien angeboten werden, rät Weg-Remers.

Bei Immuntherapien gibt es große Unterschiede

Aufschwung erlebt derzeit auch eine Methode, die in der alternativen Krebsmedizin seit Jahrzehnten verbreitet ist: die Immuntherapie. Dabei soll sich die körpereigene Abwehr gegen den Tumor richten. Die Anbieter verweisen häufig auf neueste Studien.

Tatsächlich gibt es eine wissenschaftlich fundierte Art der Immuntherapie, die als große Hoffnung der modernen Krebsmedizin gilt. "Die angebotenen alternativen Methoden haben damit aber nur den Namen gemein", sagt Expertin Hübner. Verabreicht werden dendritische Zellen, Stoffe, die Killerzellen aktivieren sollen, oder im Labor auf nicht nachvollziehbare Weise aufbereitetes Eigenblut. 

Anbieter bewegen sich in der juristischen Grauzone

Doch wie kann das sein? Dürfen Ärzte Therapien bewerben und anwenden, die höchstwahrscheinlich unwirksam sind – selbst wenn es um Leben und Tod geht? "Die Anbieter bewegen sich oft in einer Grauzone", erklärt Dr. Marina Kohake, Rechtsanwältin in einer auf Medizinrecht spezialisierten Kanzlei in München.

Etwa bei der Reklame auf ihren Online-Seiten. So verbietet das Heilmittelwerbegesetz zwar irreführende Werbung. Dennoch findet man im Internet Versprechen, Krebs ohne Nebenwirkungen und Schmerzen behandeln zu können. Wer genau liest, bemerkt: Die Rede ist nur von "behandeln", nicht von "heilen". Die Patienten unterschreiben zudem in der Regel einen individuellen Vertrag. "Oft wird ihnen mündlich jedoch etwas ganz anderes erzählt", ist Hübners Erfahrung.

Danach nur geringe Erfolgschancen vor Gericht

Bleibt die Behandlung erfolglos und finden Betroffene oder die Hinterbliebenen die Kraft, vor Gericht zu ziehen, sind die Erfolgschancen gering. Krebsexperte Hiddemann, der als Gutachter öfter eine Therapie beurteilen musste, berichtet von frustrierenden Erlebnissen. Selbst wenn alles dagegen spricht, dass die Methode wirkt, kommt der ­Anbieter meist ungeschoren davon. Auch Hübner spricht aus Erfahrung: "Ich glaube, man muss dem Patienten vor einem Richter aktiv einen Hammer auf den Kopf hauen, damit man hier ver­urteilt wird."



Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

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